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Und plötzlich war ich Ausländer: Von Heimat und Flucht


Ein Nachtrag zu meinem Beitrag auf Around U vom 11. September 2012

 

Heimat ist losgelöst von der Idee der nationalen Identität und wird zu einem subjektiven, einem persönlichen Ort, der nicht ortsgebunden sein muss. Heutzutage kann man sich die Frage stellen, ob durch Telefon und Internet überhaupt noch ein physischer Ort notwendig sein muss, um sich heimisch zu fühlen. Mit den Freunden kann man chatten, mit den Eltern skypen, kann ich also nicht theoretisch überall auf der Welt heimisch sein? Das Problem des Weltbürgertums liegt in der Tatsache, dass man sich gerne einen Rückzugspunkt schafft. Einen physischen Ort, an dem man sich auskennt, an dem man weiß wo der nächste Drogeriemarkt ist und an dem man weiß wo man den besten Döner bekommt.

Die Absurdität von Ethnizität als Kriterium von Heimat wird mit der minütlichen Steigerung der Globalisierung immer deutlicher. Zugehörigkeitsmerkmale verschwimmen mehr und mehr in einer okzidentzentristischen homogenen Masse. Sprache, Mode, Ernährungs- und Wertekomplexe unterstehen einer nie vorgefundenen Diffusion. Dies führe theoretisch zu einer extremen Hemmung von tatsächlicher Devianz. Trotz alternativer Lebenskonzepte ist sicher zu sagen, dass die allermeisten Menschen in der westlichen Welt ein McDonalds „Restaurant“ besucht haben, ihre Kleidung von großen Modeketten erwerben und vieles mehr. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich unser Leben kaum voneinander, was zu den unwiderruflichen Aufstoßen des bestrebten (und dennoch meist unerfüllten) Individualismus führt. Diese Homogenisierung würde positiver aufgenommen werden, hätte sie einen tatsächlichen humanistischen Effekt.

Parkas waren mal cool glaube ich

Parkas waren mal cool

Weil wir so ähnlich sind, weil wir ähnliche Werte teilen, weil wir alle Game of Thrones genießen, sollte keine arbiträr wirkende Ausgrenzung durch den Phänotyp existieren. Und trotz alledem geschieht genau das. Unglaubwürdigkeit über die Herkunft à la „Woher kommst du? Was bist du für ein Landsmann?“, zeigt sich nicht nur im Lebensalltag, sondern bei allen Amtsgängen und ähnlichen offiziellen Akten. Es wirkt so als wäre ich Ausländer mit den Stempel: Deutscher Pass. Sehe ich wirklich so anders aus? Muss ich erst eine Lederhose tragen und eine Deutschlandflagge mit mir herumtragen, um Deutsch zu sein? So gut funktioniert das: In meiner Schulzeit trug ich einen Armeeparka, den ich gebraucht für wenig Geld (20€) gekauft hatte. Oft hörte ich Sätze wie: „Warum trägt ein Chinese die Deutschlandflagge?“ Fand ich sehr merkwürdig, da ich keinen Chinesen weit und breit sah.

Man wird ständig daran erinnert „anders“ oder „fremd“ zu sein in einer Welt, die nie homogener war als heute. Das ist eine kaum überwindbare Ausgrenzung von der selbst empfundenen Heimat. Damit „Heimat“ als Heimat verstanden wird, ist eine kohärente Akzeptanz aller sozialen Instanzen notwendig (sense of community). Mitzscherlich beschreibt in diesem Zusammenhang zwei weitere Faktoren, die ein Gefühl von Heimat voraussetzen: Die Selbstbestimmung und Verantwortung über das eigene Leben (sense of control) sowie Ziele, Vorstellungen und Träume für die Richtung des Handelns (sense of coherence). 1

Erstaufnahmelager in Hamburg Jenfeld

Erstaufnahmelager in Hamburg Jenfeld

Wenn das nicht gegeben ist, wie kann man sich innerhalb einer Gesellschaft wohl fühlen? Diese „Aliens“ 2 werden weder akzeptiert noch integriert. Die Segregation von der restlichen Gesellschaft ist sehr anschaulich an den Flüchtlingslagern zu sehen. Ohne eine sehr zeitnahe Integrierung in die dort herrschende Gesellschaft, verlieren sie ihr „sense of control“, da sie komplett abhängig von der örtlichen Administration sind. Und ihr „sense of coherence“, weil sie durch diese Abhängigkeit jegliche Hoffnung auf ein besseres Leben verlieren. Die Ungewissheit, ob und wie lange sie sich dort aufhalten dürfen, zerschlägt jegliche Hoffnung einer gelingenden Integration, schon gar einer Assimilierung, die in Wirklichkeit gefordert wird. „Einigkeit, Recht und Freiheit“ nur unter Voraussetzung, dass anerkannt wird, dass alles, was im Ursprungsland gelernt wurde, schlecht ist oder zumindest schlechter als das deutsche/europäische Pendant. So wirkt zumindest die politische Stimmung, wie auch die der Vertreter der „Flüchtlingsskepsis“.

Ein gutes Gefühl von Heimat ist der Ausgangspunkt einer gesunden Gesellschaft. Sobald dieses Gefühl beschädigt wird, entstehen Spannungen, die sich nicht selten in sehr ausufernde Gewalt entwickeln. Vereinfacht können die meisten Konflikte auf ein bedrohtes oder beschädigtes Gefühl von Heimat zurückgeführt werden. Ein Gefühl größter Unsicherheit nicht nur in der beruflichen Zukunft, sondern vor allem in der persönlichen Entwicklung. Der unerbittliche Kampf nach Erfolg und Anerkennung lässt Unzufriedenheit und/oder Apathie zurück. Niederlagen sind prädeterminiert und säen ein intrinsisches Gefühl der Fremdheit. Auch eine Verfremdung von der Heimat führt zu Heimatlosigkeit. Dadurch wird der individuelle Wert innerhalb der Gesellschaft in Frage gestellt.

Egal was ich tue, es ändert sich sowieso nichtsWarum habe ich keine Stimme? 

Sekten, Terrorgruppen und rechtsradikale Gruppen sind sich dieser Unsicherheit sehr bewusst und versprechen mit ihrer starken Agenda eine neue Heimat. Heimat, in der das Wir sehr stark ist und die Anderen zu Feinden mutieren: Eine Heimat des Hasses und der Gewalt. Und was tun wir? Wir lassen tausende Menschen in Ungewissheit des Transits und somit heimatlos. Vielleicht wenden sie sich dann an genau eben jene aktionsbereite Gruppen. Herzlichen Glückwunsch! Dabei sind sie plötzlich Ausländer geworden. Ausländer in ihrem eigenen Land.

Ich denke, dass dieses Problem nicht ohne eine extreme Wende in der Sozialarbeit, Integrations- und Inklusionspolitik zu schaffen ist. Eine Wertschätzung für fremde Heimatgefühle sowie die Unantastbarkeit eines (metaphorischen) Rückzugsorts muss inhärent sein. Es muss ein unabdinglicher Teil unserer sozialen Interaktionen und unserer Kultur werden.

  1. Beate Mitzscherlich: Was ist Heimat heute? Eine psychologische Perspektive auf die Möglichkeit von Beheimatung in einer globalisierten Welt. S. 7-12 In: Heimat im 21. Jahrhundert – Moderne, Mobilität, Missbrauch und Utopie«, Evangelische Akademie zu Berlin. 7.-9.5.2010. S. 11.
  2. in der doppelten Bedeutung: Fremd und Angst

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